Bevor es in der Niederpleiser Mühle überhaupt zur Trauung geht, gibt es etwas, das ich an diesem Standesamt sehr mag und das viele Paare vorher nicht wissen: eine kleine Geschichtsstunde. Wenn sich die Hochzeitsgesellschaft im Vorraum versammelt hat, wird erzählt, was dieses Haus einmal war. Es geht um die Zeit als Wassermühle, und der alte Mühlstein wird gemeinsam begutachtet. Wenn genug Wasser vorhanden ist, wird die Mühle – genauer der Mühlstein – sogar noch einmal in Gang gesetzt, und zwar immer vom Brautpaar selbst. Das dauert ein paar Minuten und sorgt im Vorfeld der Trauung schon einmal für ein bisschen Auflockerung.
Die Trauung selbst war die ruhigste und zugleich bewegendste, die ich in diesem Raum erlebt habe. An einem solchen Tag fehlen verstorbene Eltern ganz besonders, und die Lücke, die sie hinterlassen, wird sehr deutlich. Jessi und André hatten dafür einen kleinen Ballon dabei. Darauf der Satz: „Wir wissen, ihr wärt heute hier, wenn der Himmel nicht so weit weg wäre.“ Dieser Ballon begleitete die beiden gut sichtbar durch die gesamte Trauung und machte deutlich, wie wichtig ihnen die Menschen waren und sind, die an diesem Tag gefehlt haben.
Besonders schön fand ich auch ein weiteres kleines Detail: André ist bei der Berufsfeuerwehr, und das Ringkissen war selbst gemacht, mit einem kleinen Feuerwehrbezug – kein Thema, das über der Hochzeit lag, sondern ein Zwinkern an der richtigen Stelle.
Nach der Trauung und einer Rede, bei der auch ich mir die eine oder andere Träne nicht verkneifen konnte, schienen die bewegendsten Momente vorbei. Doch auf einmal rollten bei der Braut erneut die Tränen, diesmal jedoch aus lauter Freude. Jessi ist Grundschullehrerin und hat aus dem Trauzimmer nach draußen geschaut – und dort vor dem Fenster ihre eigene Klasse gesehen, wie sie sich mit Sonnenblumen in der Hand zu einem Spalier aufgestellt hatte.
Aus der kleinen Hochzeit im engsten Kreis wurde dann doch noch ein richtiger Empfang. Die Kinder haben Jessi und André beim Gratulieren nacheinander ihre Sonnenblumen in die Hand gedrückt, bis die beiden kaum noch etwas halten konnten. Dahinter standen Andrés Kameraden von der Berufsfeuerwehr.
Nach dem Sektempfang sind wir zu dritt losgezogen, hinter die Mühle. Der Weg dort ist kurz und lohnt sich jedes Mal: erst die Brücke über den Pleisbach, dann die „Niederpleiser Heide“ und ein Stückchen weiter eine wunderschöne Allee aus alten Bäumen. Nach dem Trubel vor der Tür tut diese halbe Stunde allen gut, dem Paar am meisten. Man hört das Wasser, den Wind und sonst wenig.
Dort haben Jessi und André auch den Ballon steigen lassen. Sie haben ihm nachgesehen, bis er klein wurde, und niemand hat etwas gesagt. Von allen Bildern dieses Tages sind mir diese die liebsten – nicht, weil sie traurig sind, sondern weil beides gleichzeitig Platz hatte.
Liebe Jessi, lieber André, danke für diesen wunderbaren Vormittag. Ich freue mich darauf, euch auch bei der kirchlichen Hochzeit begleiten zu dürfen.